Akte und mehr…
Dass meine Untermieter ungefähr 10 Minuten nach Johannes Heesters 104. Geburtstag angefangen haben zu poppen, sagt auch was aus. Zumindest soviel, dass mein Sexleben einer verschrumpelten Kartoffel gleicht. Das war auch mal anders.
Im Moment sehen meine Abende oft so aus: acht-zehn Uhr zuhause, Pizzaservice, Post lesen, Mails checken, Fernseher anmachen, berieseln lassen, ins Bett gehen – ALLEIN, noch was lesen, schlafen. Mehr als ärmlich für eine Frau in meinem Alter. Gut, wenigstens bin ich nicht verheiratet. Da hat man noch weniger Sex. Manchmal geht mir das alles ziemlich auf die Nerven. Jammern auf hohem Niveau. Aber Unzufriedenheit ist auch ein Motor – zumindest für mich. Dann ziehe ich aus dieser Situation, die mich nervt, oft die richtigen Konsequenzen. Außer einmal, da habe ich eine Scheintote Beziehung ewig hinter mir hergezogen, weil ich mich nicht trennen konnte. Die Leiche brauchte noch vier Monate bis ich sie fachgerecht entsorgen konnte. Mittlerweile bin ich besser geworden und kenne mich. Pro Akt brauche ich ungefähr zwei Wochen… (früher waren es vier bis fünf)
1. Akt: Unzufriedenheit bemerken
Wozu hat der Teufel Kreditkarten und seine kleinen Helfersgnome Schuhläden erfunden. Richtig, zum Frust-Shoppen. Ich bin ja schon im „normalen“ Zustand ein High-Heels-Junkie, aber bei Weltschmerz verdoppelt sich die Kauf-Dosis dramatisch. Irgendwann, meist Ende der ersten Woche sage ich mir, dass es nun auch mal gut ist. Meistens dann, wenn es mir peinlich wird die ganzen leeren Schuhkartons beim Altpapier im Hof abzustellen, weil sie nicht mehr in die Tonne passen. Bevor ich mich dann wirklich für Zwangsentziehung entscheide, gegen Mitte der zweiten Woche, bringe ich die Kartons nachts herunter. Wenn ich dann im Dunkeln um halb drei über Fahrräder und undefinierbare Dinge stolpere, frage ich mich jedes Mal, was ich hier eigentlich mache. Dann wird aus dem Frust Unzufriedenheit und lässt sich nicht mehr abschütteln. Und dann sitze ich nachts im Hof und überlege, woran es liegen könnte.
2. Akt: Grübeln
Die Gedankenschlange, die man hinter sich herzieht, wird immer länger und dauernd latschen irgendwelche Idioten darauf, die einem gute Tipps geben wollen. Doch in der Phase hilft nur eins: Selbstbefriedigung und Schokolade, zur Ablenkung. Wenn ich dann also gerade nicht in der Gedankenachterbahn mit 10er Karte umhersause, liege ich im meinem Bett mit Dildo und Milkaschokolade mit Kuhflecken. Stöhnen mit Schokostückchen ist eine Orgasmusgarantie. Nach 14 Tagen laufe ich dann zwar breitbeinig mit fünf Kilo mehr durch die Welt, doch dann tritt ja der dritte Akt in Kraft…
3. Akt: Saufen und Sex
Freundin geschnappt, rein ins Nachtleben, Prosecco in die Hand, ernsthaftes Betrinken. Und wenn ich ernsthaft sage, meine ich auch ernsthaft. Kern verweichlichtes, verlegenes Rumsitzen, sondern ein ernsthaftes gegenübersitzen, anstarren und saufen. Habe ich vor einiger Zeit in Finnland gelernt. Erzähle ich irgendwann noch. Kurzfassung: Hinsetzten, Flasche(n) leer trinken. Erst dann vögeln. Aber auch nichts anderes. Keine leeren Problemgespräche. Keine Floskeln. Dann jemandem für die Kissenschlacht suchen. Auch für ihn gilt: Mund halten, trinken. Dann irgendwann nach hause gehen, weitertrinken. Gegen Ende der Flasche schon mal anfangen sich auszuziehen. Der letzte Schluck im Stehen, bevor man dann poppt, meist dann auch in dieser Position.
4. Akt: Kippen
Erst kommt dann dieses Gefühl von Leichtigkeit und Sieg. Doch dann kommt er, der böse moralische Kater. Leichte Depression und die Unzufriedenheit ist wieder da. Doch Akt zwei und drei lasse ich aus und mache bei fünf weiter.
5. Akt: Trotz und Ärger
Man sitzt da und brütet in seinem Gedankensumpf, bis einem das Adrenalin unter der Schädeldecke steht. Ich bekomme dann meistens Wutanfälle, weil sich eine Erkenntnis durchsetzt, die mir gar nicht gefällt. Und ich werde bockig – Einzelkind. Irgendwann endet das dann damit, dass ich etwas gegen die Wand werfe. Meistens sind es Weingläser. Ganze Kollektionen habe ich damit schon vernichtet. Ich tobe herum, laufe wie Rumpelstilzchen auf und ab, schimpfe laut und bin völlig unzurechnungsfähig. Dann weinen.
6. Akt: Erkenntnis
Jetzt geht es meistens schnell. Problem wird ausgekotzt. Radikal und der eigene innere Schweinehund gnadenlos über den Haufen geschossen. Dann beginnen die Verhandlungen mit einem selbst. Und schwups, verschwinden die Wolken und Sonnenstrahlen erwärmen mein Herz. Ist doch gar nicht so schwer. Das klitzekleine Problem: Ich bin gerade offenbar im ersten Akt. Na das kann ja heiter werden!

“da habe ich eine Scheintote Beziehung ewig hinter mir hergezogen, weil ich mich nicht trennen konnte. Die Leiche brauchte noch vier Monate bis ich sie fachgerecht entsorgen konnte”
Du schreibst sehr Lebendig und Lustig.
Zu 2. Akt: Grübeln:super wie Ehrlich du schreibst
Mir gefällt die Art wie du schreibst.Sollten wir mal einen Artikel Schreiber brauchen kommen wir gerne auf dich zurück.
LG
Sage Hearts Corporation
Kommentar von Sage Hearts — 29. April 2008 @ 11:40