Das Beichtstuhltrauma
Ich habe die Taschen voller Sünden und mein Herz war das letzte Mal rein, als ich gebeichtet habe. Das musste ich früher mehrmals im Jahr, unabhängig davon, ob mich die ganze Sache überzeugt oder nicht. Mit zehn Jahren war ich zumindest der Meinung, dass ein unerlaubter Griff in die Keksdose, kein Grund für den Gang zum Beichtstuhl ist. Mein Vater sah das anders und meinte gerne „irgendwas wird schon gewesen sein“. Auch wenn ich das Gegenteil beteuerte, meinte er, schaden würde ich bestimmt nicht. Bestimmt nicht, wenn man darauf steht, schwitzend Höllenqualen in einer Holzkiste auszustehen. Bei mir jedoch dominierte Angst und Ekel. Angst, weil ich mir nie so ganz sicher war, wie gut der Draht des Priesters nach oben ist und er nicht doch irgendwas ausgraben würde, was ich schlicht weg vergessen hatte. Ekel, weil nicht nur er zwischen dem Gitter, was uns voneinander trennte stank, sondern der ganze Beichtstuhl infernalisch roch. Jahrhunderte alter Geruch aus Mündern, Achseln, ungewaschenen Unterleibern haben sich in das alte Holz gefressen. Für einen Moment musste ich immer die Luft anhalten und diese so langsam wie nur möglich durch die Nase rauslassen. Ein stummes Schnauben, den Kehlkopf weit nach oben gedrückt, damit die muffig-abgestandene Luft nicht eindringen konnte. Hinzu kam das knien, bei uns war das noch so üblich. Man betrat also voller Angst im Bauch und angehaltenem Atem den Beichtstuhl, kniete sich auf das abgewetzte, dunkle Leder und wartete, dass sich auf der anderen Seite etwas rührt, während sich die Augen langsam an das Dunkel gewöhnen. Dann, ein Räuspern und eine graue Gestalt, die sich nach vorne beugt und die ersten Worte spricht. Dann war der Moment gekommen, an dem man nicht mehr die Luft anhalten konnte, weil man ja sagen musste: „Ja, Vater, ich habe gesündigt.“ Dann kämpfte man mit der Ohnmacht, dank der Mischung aus Beichstuhlmief und Fahne. Letzteres kam allerdings vom Priester. Ich versuchte meine Nase immer so zu halten, dass sie genau an seiner Ausprachewolke vorbeizeigte. Doch der beißende Geruch breitete sich rasend schnell aus. Jedem Atemzug, den er tat, folgte unweigerlich das Ausatmen und mein Kampf mit der Übelkeit begann. Den Beichtstuhl verließ ich jedes Mal verwirrt und benommen, betete im Eiltempo das „Vater unser“ und rannte da beinahe heraus.
So richtig überwunden habe ich das nie, denn sobald ich einen Priester sehe, fährt mein Magen Achterbahn und ich muss die Straßenseite wechseln. Vielleicht hat dieses Kindheitstraumata auch seinen Teil zum meinen Sünden-Schrank beigetragen. Halleluja!

Ich habe lange in einer Kirche geputzt und kann dieses Trauma voll und ganz nachvollziehen.
Kommentar von Ecki — 9. Mai 2008 @ 11:30
Hey Milena, ich musste früher auch immer beichten gehen. Und mir machte der Mann hinterm Fenster mehr Angst, als der im Himmel. Mal ganz zu schweigen von seinem Geruch.
Kommentar von Bini — 9. Mai 2008 @ 11:32
Ich glaube diese Erfahrung durfte fast jeder scho einmal machen.. =) Stimme dir voll zu Bini;)
Kommentar von Lena — 10. Juni 2008 @ 21:08